Montag, 31. Dezember 2007

Eine Liebesgeschichte

Gemeinhin beginnen Geschichten am Anfang und enden am Schluss. Bei dieser nun bekomme ich Probleme mit beidem: Anfang und Schluss. Denn ich bin mir noch nicht im Klaren darüber wann sie begann und wie sie endet weiß ich auch nicht, denn das liegt noch vor mir. Deshalb muss ich, diese beiden eigentlich für einen klaren Geschichtsverlauf notwendigen Komponenten betreffend, um Entschuldigung bitten, weil ich sie auslassen muss. Die Geschichte wird deshalb etwas schwer zu durchschauen sein und ich sehe es jedem, der sie liest nach, wenn er sagt, daß er sie nicht verstanden hat oder daß sie ihm nicht gefällt. Ich habe vollstes Verständnis für eine solche Reaktion, denn auch ich verstehe sie nicht.

Aber gefallen, gefallen tut sie mir schon. Auch wenn ich nicht, wie auch, ohne Anfang, weiß, warum genau das passiert was da passiert und auch wenn ich nicht, logisch, ohne Schluß, weiß, wie sie ausgeht.

Jedesmal (um es zu erklären, warum mir eine Geschichte ohne Start und Ende gefällt), wenn ich sie aufs Neue lese, fällt mir ein neuer möglicher Schluß ein und ein anderer Anfang. Und beides hängt davon ab, mit welcher Stimmung ich sie lese. Bin ich fröhlich, weil zum Beispiel eine andere Geschichte - ich lese auch noch andere Geschichten, die zuweilen auch kein Anfang und kein Ende haben - einen guten, einen positiven Schluß verspricht, wird die Aussicht auf ein schönes Ende auch dieser Geschichte realer. Aber nicht, weil sie etwas mit der anderen Geschichte zu tun hat, sondern weil ich dann fühle, daß es einfach möglich ist. Den gegenteiligen Fall zu beschreiben erspare ich mir, da er mit ein wenig Logik schon einleuchtet.

Es ist zwar manchmal schwer, sich mit der Ungewissheit abzufinden, aber ich glaube, daß, wenn die Geschichte einen vorgegebenen Schluß hätte, ich mich nicht mehr mit ihr beschäftigen würde, sondern wie eine ganz normale, ausgelesene Geschichte weglege und eine neue beginne. Daran ist zwar auch nichts schlechtes und wenn diese Geschichte gar nie zu einem Ende fände wäre ich auch höchst unbefriedigt; das was ich meine damit, daß es gut ist, daß sie kein Ende hat ist aber, daß sie zur Beschäftigung mit ihr zwingt und so langssam ein Schluß entsteht, an dem man selbst auch etwas zutun kann. Beileibe nicht will ich also, daß sie ewig nie endet aber es trägt ihr zu, oder besser, es trägt der dieser folgenden Geschichte zu, wenn ich mich intensiver damit beschäftige als mit anderen. Das kann die Geschichte zu einer besonders starken machen. Im positiven wie im negativen.

Ich weiß nicht, wieso manche, die ähnliche Geschichten schreiben, vorschnell irgendwelche Schlüsse an die ihren erfinden und so vor dem Besonderen daran fliehen. Auch suchen sie sich gerne irgendeinen Beginn, schreiben irgendeinen offensichtlichen hin und zerstören so das Gefühl, daß etwas einfach von sich aus entstanden ist, eine Geschichte eben, deren Begründung erst am Ende zu finden sein wird und nicht durch einen banalen Anfang vorweggenommen wird. Erst wenn man es zulässt, daß man den wirklichen Anfang erkennt, wenn der Schluß feststeht ist eine Gechichte wirklich spannend und fesselnd.

Fast so, als wenn es das Leben wäre.

Oktober 1988

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