Erosion
Meine Erinnerungen verblassen. Und einige verschwinden. Ich habe es lange nicht bemerkt, aber inzwischen sind es viele. Ich konnte mich immer gut und lebhaft an alles Mögliche erinnern. An den ersten Kuss in der ersten Klasse. An die langen Sommer in dem großen Haus meiner Großmutter, in dem ständig so viele Menschen wohnten, daß das Leben dort wie eine große Kommune wirkte. An das Internat, in dem ich alles andere als glücklich war so daß ich mich selbst beschwor, die Zeit dort um Gottes Willen niemals zu verklären.
Im Prinzip geht es hier um nichts geringeres als um alle Erinnerungen an mein Leben als Kind. Sie waren immer sehr präsent und mit den Erinnerungen kamen auch Geschmäcker, Geräusche, ja sogar Gefühle zurück.
Aber inzwischen kommen sie nicht mehr, die Gerüche, die Geräusche, die Gefühle. Kein Schweißausbruch bei der Erinnerung an das Erwischt werden. Keine Träne mehr bei der Erinnerung an den Umzug weg von der geliebten Nachbarstochter, die zu heiraten ich ihr versprochen hatte. In der zweiten Klasse.
Was mich nun erschreckt ist die Geschwindigkeit, mit der dieses Wegbröckeln der Vergangenheit näher kommt. Das Abiturjahr war eine feste Größe, eine einschneidende, wegweisende Erfahrung. Heute bedeutungslos, wobei ich nicht mal genau sagen kann, wann es die Bedeutung verloren hat.
Jetzt merke ich, daß das Studium dran ist. Die damit verbundene Freiheit, das Leben in der WG erstmals eigenständig und der Schritt aus dem Elternhaus, die schwierige Fernbeziehung über Jahre, der Stolz darauf, auch das ungeplante Kind mit Freude und Zuversicht aufgenommen zu haben gegen alle Vorbehalte... es war die intensivste Zeit meines Lebens. Und doch ist die Erosion dort schon nicht mehr aufzuhalten. Ich erinnere mich nur noch sehr zweidimensional an Kommilitonen, wenn ich überhaupt noch weiß wie sie ungefähr aussahen. Die zeitlichen Abläufe sind für mich nicht mehr nachvollziehbar, es fehlen zu viele Bezüge, es gibt zu viele erschreckend breit klaffende Lücken.
Das waren immer sichere Zufluchtsorte. Ich hätte nie gedacht, daß ich sie verlieren würde. Noch dazu auf solch unwürdige Weise. Ihr verschwinden, verblassen, macht mich traurig und wütend. Habe ich nicht gut genug aufgepasst auf meine Erinnerungen? Sie zu selbstverständlich herumliegen lassen so daß sie von der Sonne vergilbt und vom Wind fortgeblasen werden konnten? Hätte ich es verhindern können? Und wenn ja, wie?
Im Prinzip geht es hier um nichts geringeres als um alle Erinnerungen an mein Leben als Kind. Sie waren immer sehr präsent und mit den Erinnerungen kamen auch Geschmäcker, Geräusche, ja sogar Gefühle zurück.
Aber inzwischen kommen sie nicht mehr, die Gerüche, die Geräusche, die Gefühle. Kein Schweißausbruch bei der Erinnerung an das Erwischt werden. Keine Träne mehr bei der Erinnerung an den Umzug weg von der geliebten Nachbarstochter, die zu heiraten ich ihr versprochen hatte. In der zweiten Klasse.
Was mich nun erschreckt ist die Geschwindigkeit, mit der dieses Wegbröckeln der Vergangenheit näher kommt. Das Abiturjahr war eine feste Größe, eine einschneidende, wegweisende Erfahrung. Heute bedeutungslos, wobei ich nicht mal genau sagen kann, wann es die Bedeutung verloren hat.
Jetzt merke ich, daß das Studium dran ist. Die damit verbundene Freiheit, das Leben in der WG erstmals eigenständig und der Schritt aus dem Elternhaus, die schwierige Fernbeziehung über Jahre, der Stolz darauf, auch das ungeplante Kind mit Freude und Zuversicht aufgenommen zu haben gegen alle Vorbehalte... es war die intensivste Zeit meines Lebens. Und doch ist die Erosion dort schon nicht mehr aufzuhalten. Ich erinnere mich nur noch sehr zweidimensional an Kommilitonen, wenn ich überhaupt noch weiß wie sie ungefähr aussahen. Die zeitlichen Abläufe sind für mich nicht mehr nachvollziehbar, es fehlen zu viele Bezüge, es gibt zu viele erschreckend breit klaffende Lücken.
Das waren immer sichere Zufluchtsorte. Ich hätte nie gedacht, daß ich sie verlieren würde. Noch dazu auf solch unwürdige Weise. Ihr verschwinden, verblassen, macht mich traurig und wütend. Habe ich nicht gut genug aufgepasst auf meine Erinnerungen? Sie zu selbstverständlich herumliegen lassen so daß sie von der Sonne vergilbt und vom Wind fortgeblasen werden konnten? Hätte ich es verhindern können? Und wenn ja, wie?
thestranger - 10. Jul, 09:37
