Mittwoch, 2. Januar 2008

Kalter Krieg

Eine Biene flog über eine Sommerwiese. Ein Fisch planschte im warmen See. Spatzen trockneten ihre vom Spiel im warmen Wasser nassen Federn in der Sonne und schwatzten munter über dies und das. Die Katze räkelte sich faul im Licht und schnurrte zufrieden.

Dann Winter. Sehr plötzlich. Der See fror zu, die Wolken fielen klirrend vom Himmel, die Sonne tauchte ins Grau ab und Wiesen und Bäume erstarrten im Tode. Das weiße Laken breitete sich über das Land.

Die Biene fiel in den Schnee. Sie war schon tot, als sie von ihm verschlungen wurde. Lautlos. Der Fisch erstarrte im Eis, erfror oder erstickte. Was eben schneller ging. Ebenso erstarrten die Spatzen, fielen von den Ästen und verschwanden im Schnee, der auch ihren Tod gut zu verbergen wusste. Die tote Katze lag schon unter dem Schnee begraben. Ihr schnurren erstarb in einem überraschten Schrei.

Die Stille des Winters ließ auch der Zeit keine Chance mehr. Sie erfror so schnell wie die Biene und der Fisch und die Spatzen und die Katze. Sie starb ebenso lautlos und auch ihre Leiche wurde von Schnee aufgefressen.

Nun ist Ruhe. Der Winter hisst die Siegesfahne. Der Sommer ist geschlagen worden. Hinterrücks und schnell.

Und ich steh da und friere. Und hoffe, daß der Sonne etwas einfällt. Hoffe, daß da noch irgendwo genügend Widerstand ist. Hoffe, daß der Winter ebenso besiegt werden kann.
Hoffe, daß das geschieht, bevor auch ich erfriere.

27. November 1989

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