Samstag, 26. Juli 2008

Ardéche - 3.Tag

Komm Blatt, ich schreib Dich voll.
Da saß der alte Mann auf dem Stuhl unter seinem Lieblingsbaum und schlief.
Da war der Kauz, der Nachts rief und mir erzählte, daß er nächsten Sommer mit nach Athen darf.
Da war der kleine Kater, der uns schnurrend sein Revier lieh.
Da war der riesige Stein, der fror und froh war, als ich ihn aus dem Wasser zog und in die Sonne legte.
Da war der Baum, dem ich einen Gefallen tat, weil ich ihm Bedeutung gab als ich ihn zeichnete. Er sieht nun stolzer aus, mit dünnem Stämmchen und abgeschnittenen Ästen, aber mit Bedeutung.
Ich freue mich, daß etwas stolz ist, nur weil es mir etwas bedeutet.
Siehst Du, Blatt, so schnell bist nun auch Du zu etwas wichtigem geworden. Denn Du musst viel halten. Alles, was ich auf Dich geschrieben habe. Vergiss das nie, es sind meine Erinnerungen, die mir teuer sind.

17.Mai 1989

Freitag, 25. Juli 2008

Im Käfig

Das flaue Gefühl im Magen, wenn ich nur an eines dieser Dinge denke, die die Gitterstäbe um mich herum bilden. Und es gibt so viel davon. Steuern. Rechnungen. Versicherungen. zur Arbeit fahren zu müssen, egal ob man dazu Lust hat oder nicht. Die Familie versorgen zu müssen.
Ich sitze in meinem Käfig. Genau in der Mitte, so weit weg wie möglich von den Gittern. Und bewege mich nicht. Lasse die Zeit vergehen, die eigentlich genutzt gehört. Möchte mir nicht Hoffnungen machen aus Angst, daß sie sich als Illusionen herausstellen.
Ich sitze in meinem Käfig und werde immer untätiger. Ich erkenne, daß auch die Hoffnung, mit dem Alter mehr Sicherheit zu bekommen, eine Illusion war. Mit dem Alter werden lediglich die Stäbe greifbarer, nicht was jenseits von ihnen ist. Und die Gewissheit, gefangen zu bleiben.

Donnerstag, 10. Juli 2008

Erosion

Meine Erinnerungen verblassen. Und einige verschwinden. Ich habe es lange nicht bemerkt, aber inzwischen sind es viele. Ich konnte mich immer gut und lebhaft an alles Mögliche erinnern. An den ersten Kuss in der ersten Klasse. An die langen Sommer in dem großen Haus meiner Großmutter, in dem ständig so viele Menschen wohnten, daß das Leben dort wie eine große Kommune wirkte. An das Internat, in dem ich alles andere als glücklich war so daß ich mich selbst beschwor, die Zeit dort um Gottes Willen niemals zu verklären.

Im Prinzip geht es hier um nichts geringeres als um alle Erinnerungen an mein Leben als Kind. Sie waren immer sehr präsent und mit den Erinnerungen kamen auch Geschmäcker, Geräusche, ja sogar Gefühle zurück.

Aber inzwischen kommen sie nicht mehr, die Gerüche, die Geräusche, die Gefühle. Kein Schweißausbruch bei der Erinnerung an das Erwischt werden. Keine Träne mehr bei der Erinnerung an den Umzug weg von der geliebten Nachbarstochter, die zu heiraten ich ihr versprochen hatte. In der zweiten Klasse.

Was mich nun erschreckt ist die Geschwindigkeit, mit der dieses Wegbröckeln der Vergangenheit näher kommt. Das Abiturjahr war eine feste Größe, eine einschneidende, wegweisende Erfahrung. Heute bedeutungslos, wobei ich nicht mal genau sagen kann, wann es die Bedeutung verloren hat.

Jetzt merke ich, daß das Studium dran ist. Die damit verbundene Freiheit, das Leben in der WG erstmals eigenständig und der Schritt aus dem Elternhaus, die schwierige Fernbeziehung über Jahre, der Stolz darauf, auch das ungeplante Kind mit Freude und Zuversicht aufgenommen zu haben gegen alle Vorbehalte... es war die intensivste Zeit meines Lebens. Und doch ist die Erosion dort schon nicht mehr aufzuhalten. Ich erinnere mich nur noch sehr zweidimensional an Kommilitonen, wenn ich überhaupt noch weiß wie sie ungefähr aussahen. Die zeitlichen Abläufe sind für mich nicht mehr nachvollziehbar, es fehlen zu viele Bezüge, es gibt zu viele erschreckend breit klaffende Lücken.

Das waren immer sichere Zufluchtsorte. Ich hätte nie gedacht, daß ich sie verlieren würde. Noch dazu auf solch unwürdige Weise. Ihr verschwinden, verblassen, macht mich traurig und wütend. Habe ich nicht gut genug aufgepasst auf meine Erinnerungen? Sie zu selbstverständlich herumliegen lassen so daß sie von der Sonne vergilbt und vom Wind fortgeblasen werden konnten? Hätte ich es verhindern können? Und wenn ja, wie?

Donnerstag, 24. Januar 2008

Verliebt zu sein

Ja, verliebt zu sein hat auch mit Sex zu tun. Ich betone das "auch". Ich betone aber genauso den Sex. Ich erkenne sie, wenn sie unter mir oder über mir stöhnt und zuckt und sich mir hingibt, sich in meine Arme wirft, die Luft anhält vor Lust. Sie vertraut mir. Sie vertraut sich mir an. Hemmungslos und bedingungslos. Und das ist wunderbar, denn ich will ihr Vertrauen auch haben, ich weiß, daß sie mich unbändig liebt, wenn ich sie nicht mehr bändigen kann. Und will.

Und sie bekommt mich. Ganz und gar, ohne Maske, gedankenlos und so viel, wie sie will. Ich lasse mich für sie fallen ohne Netz. Ich krieche in sie hinein, sie nimmt mich auf, löst mich auf, schluckt mich hinunter in ihre Wärme und Tiefe. Schützt mich und gibt mir Kraft.

Die Energien schwappen hin und her. Ich weiß bald nicht mehr, welche meine sind und welche ihre. Die Zeit bleibt stehen oder wird unerheblich. Und dann finde ich ihre Augen und kann nicht mehr wegschauen. Und will nie mehr wegschauen.

So will ich es haben und wenn ich über zwei Jahre keinen Sex hatte, dann deswegen, weil ich keine halben Sachen mache. Weil es mir nicht reicht, mit einer Frau zu schlafen. Weil ich dabei verliebt sein will und Sex mit jemandem haben will, die mich liebt. Und darauf kann ich durchaus sehr lange warten, wenns sein muss, denn es lohnt sich. Immer.

Samstag, 5. Januar 2008

Die Schwierigkeiten beim Behalten der Übersicht

Man muss die Übersicht behalten. Wenn man sie doch mal loswerden will, sollte man sie so teuer wie möglich verkaufen. Dumm ist der, der sie verliert, aber dadurch, daß es so viele Dumme gibt, findet man öfter eine, die jemand verloren hat.

Aber natürlich ist es Glücksache, ob man eine Übersicht findet oder nicht, denn das steht auf einem anderen Blatt. Das sollte man sich übrigens auch mal ansehen, denn es dürfte absolut unmöglich sein, die Übersicht zu behalten, wenn man nicht weiß, was auf dem anderen Blatt steht.

Und das ist noch nicht alles, Es steht noch mehr als auf dem anderen Blatt auf dem Spiel. Deshalb sollte man sich unbedingt und unter allen Umständen und auf jeden Fall das, was auf dem Spiel steht, notieren. Am besten so oft wie möglich, also gleich auf alle möglichen Fälle und, falls man sich nicht zu Schade ist, auch unter alle denkbaren Umstände.

Das Dumme bei der Sache ist nur, daß man so leicht bei all diesen Bemühungen, möglichst alle Fälle, Umstände, Spiele und Blätter im Auge zu behalten, den Überblick verliert.

8. Dezember 1988

Mittwoch, 2. Januar 2008

Kalter Krieg

Eine Biene flog über eine Sommerwiese. Ein Fisch planschte im warmen See. Spatzen trockneten ihre vom Spiel im warmen Wasser nassen Federn in der Sonne und schwatzten munter über dies und das. Die Katze räkelte sich faul im Licht und schnurrte zufrieden.

Dann Winter. Sehr plötzlich. Der See fror zu, die Wolken fielen klirrend vom Himmel, die Sonne tauchte ins Grau ab und Wiesen und Bäume erstarrten im Tode. Das weiße Laken breitete sich über das Land.

Die Biene fiel in den Schnee. Sie war schon tot, als sie von ihm verschlungen wurde. Lautlos. Der Fisch erstarrte im Eis, erfror oder erstickte. Was eben schneller ging. Ebenso erstarrten die Spatzen, fielen von den Ästen und verschwanden im Schnee, der auch ihren Tod gut zu verbergen wusste. Die tote Katze lag schon unter dem Schnee begraben. Ihr schnurren erstarb in einem überraschten Schrei.

Die Stille des Winters ließ auch der Zeit keine Chance mehr. Sie erfror so schnell wie die Biene und der Fisch und die Spatzen und die Katze. Sie starb ebenso lautlos und auch ihre Leiche wurde von Schnee aufgefressen.

Nun ist Ruhe. Der Winter hisst die Siegesfahne. Der Sommer ist geschlagen worden. Hinterrücks und schnell.

Und ich steh da und friere. Und hoffe, daß der Sonne etwas einfällt. Hoffe, daß da noch irgendwo genügend Widerstand ist. Hoffe, daß der Winter ebenso besiegt werden kann.
Hoffe, daß das geschieht, bevor auch ich erfriere.

27. November 1989

Dienstag, 1. Januar 2008

Sonne

Die Sonne ist nicht fort
Sie scheint nur dort
Wo du sie nicht siehst


Genau wie man sich mit zunehmendem Alter daran gewöhnt, daß nichts bleibt, daß die Dinge nicht einfacher werden, daß es keine Sicherheit gibt, daß die Ideale unerreichbar bleiben, muss man sich nach den Jahren der Enttäuschung über all diese Dinge auch daran gewöhnen, daß es immer wieder einen neuen Anfang gibt, daß Liebe sich nie aufbraucht, daß man doch überall und jederzeit Glück finden kann, daß die Dinge nie so endgültig verloren sind...

Im höfischen Leben

Hörte ich ein Raunen, als ich auf die Bühne trat? Was sollte ich jetzt spielen? Ich fragte nach einem Sinn. Die Leute sahen mich belämmert an.

Das darf mir heute nicht passieren, denke ich bei mir und gab dem Orchester das vereinbarte Zeichen. Der Paukenschlag weckte die ersten Zuschauer, der Trompeteneinsatz entlud sich auf die restlichen.

Oje, denke ich, und besänfige die Massen mit Karamelbonbons. Ich forsche nach dem Souffleur, aber da ist keiner. Also ist es bloß ein Traum, freue ich mich. Und ich beginne, das Publikum auszulachen, es lachte mit, aus Unwissenheit wohl, was mich noch fröhlicher macht. Ich hüpfe närrisch ins Parkett und töte den Gemahl der Gräfin. Alle sind begeistert und applaudieren, der Graf glotzt nur blöde vor sich hin, hat er doch mit sowas nicht gerechnet.

Dann rufe ich mich zum König aus, danke ab und der Staat geht prompt vor die Hunde, ohne König.

Siehst du, sag ich zu meinem Bilde, so ist das, bei Hofe.

10. November 1988

Montag, 31. Dezember 2007

Eine Liebesgeschichte

Gemeinhin beginnen Geschichten am Anfang und enden am Schluss. Bei dieser nun bekomme ich Probleme mit beidem: Anfang und Schluss. Denn ich bin mir noch nicht im Klaren darüber wann sie begann und wie sie endet weiß ich auch nicht, denn das liegt noch vor mir. Deshalb muss ich, diese beiden eigentlich für einen klaren Geschichtsverlauf notwendigen Komponenten betreffend, um Entschuldigung bitten, weil ich sie auslassen muss. Die Geschichte wird deshalb etwas schwer zu durchschauen sein und ich sehe es jedem, der sie liest nach, wenn er sagt, daß er sie nicht verstanden hat oder daß sie ihm nicht gefällt. Ich habe vollstes Verständnis für eine solche Reaktion, denn auch ich verstehe sie nicht.

Aber gefallen, gefallen tut sie mir schon. Auch wenn ich nicht, wie auch, ohne Anfang, weiß, warum genau das passiert was da passiert und auch wenn ich nicht, logisch, ohne Schluß, weiß, wie sie ausgeht.

Jedesmal (um es zu erklären, warum mir eine Geschichte ohne Start und Ende gefällt), wenn ich sie aufs Neue lese, fällt mir ein neuer möglicher Schluß ein und ein anderer Anfang. Und beides hängt davon ab, mit welcher Stimmung ich sie lese. Bin ich fröhlich, weil zum Beispiel eine andere Geschichte - ich lese auch noch andere Geschichten, die zuweilen auch kein Anfang und kein Ende haben - einen guten, einen positiven Schluß verspricht, wird die Aussicht auf ein schönes Ende auch dieser Geschichte realer. Aber nicht, weil sie etwas mit der anderen Geschichte zu tun hat, sondern weil ich dann fühle, daß es einfach möglich ist. Den gegenteiligen Fall zu beschreiben erspare ich mir, da er mit ein wenig Logik schon einleuchtet.

Es ist zwar manchmal schwer, sich mit der Ungewissheit abzufinden, aber ich glaube, daß, wenn die Geschichte einen vorgegebenen Schluß hätte, ich mich nicht mehr mit ihr beschäftigen würde, sondern wie eine ganz normale, ausgelesene Geschichte weglege und eine neue beginne. Daran ist zwar auch nichts schlechtes und wenn diese Geschichte gar nie zu einem Ende fände wäre ich auch höchst unbefriedigt; das was ich meine damit, daß es gut ist, daß sie kein Ende hat ist aber, daß sie zur Beschäftigung mit ihr zwingt und so langssam ein Schluß entsteht, an dem man selbst auch etwas zutun kann. Beileibe nicht will ich also, daß sie ewig nie endet aber es trägt ihr zu, oder besser, es trägt der dieser folgenden Geschichte zu, wenn ich mich intensiver damit beschäftige als mit anderen. Das kann die Geschichte zu einer besonders starken machen. Im positiven wie im negativen.

Ich weiß nicht, wieso manche, die ähnliche Geschichten schreiben, vorschnell irgendwelche Schlüsse an die ihren erfinden und so vor dem Besonderen daran fliehen. Auch suchen sie sich gerne irgendeinen Beginn, schreiben irgendeinen offensichtlichen hin und zerstören so das Gefühl, daß etwas einfach von sich aus entstanden ist, eine Geschichte eben, deren Begründung erst am Ende zu finden sein wird und nicht durch einen banalen Anfang vorweggenommen wird. Erst wenn man es zulässt, daß man den wirklichen Anfang erkennt, wenn der Schluß feststeht ist eine Gechichte wirklich spannend und fesselnd.

Fast so, als wenn es das Leben wäre.

Oktober 1988

Daily Soap

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